German in Its Cultural Contexts
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Deutsch-Avatare

Dieses Jahr werdet ihr alle an individuellen Biografien arbeiten. Eure Deutsch-Avatare wurden alle um die Jahrhundertwende (ca. 1900) geboren. Gemeinsam mit ihnen bzw. durch sie werden wir das turbulente 20. Jahrhundert durchleben. Unser Ziel ist es, den deutschen Alltag in all seinen Schattierungen besser zu verstehen. Unsere Hauptfrage lautet: Wie war das für die Deutschen in der damaligen Zeit?

Mit akribischer Recherche müsst ihr eure fiktionalen Charaktere entwickeln: Wo und wie haben sie gelebt? Wie haben die Avatare von den politischen Ereignissen der Zeit (Wahlen, Inflation, Putschversuch, etc.) gehört und wie darauf reagiert? Was wurde gegessen? Was für Kleider haben sie in welcher Dekade getragen? Versucht, „authentisch“ das Gefühl der damaligen Zeit in Worte zu fassen!

Es gibt 3 Regeln:

1) Die Avatare dürfen nicht sterben (zumindest nicht bis zum Fall der Mauer 1989);

2) sie dürfen Deutschland nicht verlassen (zumindest nicht permanent);

3) sie dürfen den Lauf der Geschichte nicht verändern.

Dieser Teil wird wie ein Tagebuch in der ersten Person Singular (“ich”) verfasst.

–> Beispiele? Gerne! (Sie untenstehend!)

 

Format eurer Avatar-Essays:

Teil 1: Kreatives Schreiben! Eurer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Seid so authentisch wie möglich. Was für Erfahrungen Dinge könnte euer Deutsch-Avatar in dieser Zeit gemacht haben? Welche historische Ereignisse interessieren euch? Wie könnt ihr euer Interesse und euren Deutsch-Avatar zusammen bringen?

–> Beispiel (von einem Studenten, 2014)

“Ich wurde am dritten Oktober 1900 in Hohenwalde, einem kleinen Dorf in der Uckermark, geboren. Meine Kindheit war in zwei Teile unterteilt. Die ersten 7 Jahre waren wunderbar. Wir wohnten auf dem Bauernhof meiner Großeltern und mein Bruder und ich genossen eine unbeschwerte Kindheit. Ich erinnere mich noch gut an meinen Hund Max, der immer bei mir schlafen durfte. Doch dann gab das Land nicht mehr genug her und als ich 7 Jahre alt war, mussten meine Eltern in der Stadt neue Arbeit finden. Meine Tante war schon ein Jahr vorher nach Berlin gezogen und fand uns eine Wohnung im gleichen Haus. Mein Vater fand Arbeit in einer Zigarrenfabrik und meine Mutter machte rund um die Uhr Schneiderarbeiten. Wir hatten wenig Geld und obwohl unsere Wohnung sehr klein war, vermieteten meine Eltern ein bisschen Platz auf dem Boden an einen Schlafburschen. Herr Mayer war sehr unangenehm. Berlin war aufregend–alles war größer und schneller und es gab sogar Automobile! Ich vermisste Max, der in der Uckermark geblieben war. Das war 30 Meilen weg, aber wir hatten kein Auto…… ”

Teil 2: Kommentar

Beschreibe und analysiere hier die Handlungen und Gedanken des Deutsch-Avatars. Was wusste er/sie nicht, das du jetzt weißt? War er/sie Teil einer Bewegung? Eines Trends? Finde vor allem konkrete Beispiele dafür (ein Zitat im Lesetext –> Wo steht das im Lesetext?, eine Statistik, Zahlen, Fakten,…) Sei präzise und analytisch! Nur Zusammenfassen reicht nicht aus (siehe Syllabus). Faustregel: Ein Abschnitt für jedes neue (Unter-)Thema.

–> Beispiel

… Man kann sicher sein, dass Tobias Freitags Kindheit eine spannende Zeit war. Als er geboren wurde, war Deutschland erst 29 Jahre alt und es veränderte sich dauernd. Im Jahre 1900 war die Industrialisierung in vollem Gange und hatte einen großen Einfluss auf seine Kindheitserinnerungen: schon seine Tante und 1907 seine Eltern sind von ihrem Dorf in Brandenburg  nach Berlin gezogen, weil es da einfach mehr Arbeit gab.

…Hohenwalde ist eine Gemeinde in der Uckermark in Brandenburg. (Im Nationalsozialismus war das Konzentrationslager Ravensbrück nur 15 Meilen entfernt. Heute hat Angela Merkel ein Ferienhaus in Hohenwalde. Siehe Foto.) Laut dem Historischen Gemeindeverzeichnis 1875 – 2005, Landkreis Uckermark, lebten 1910 lebten nur 270 Menschen da. Im Vergleich dazu hatte Berlin schon 2 Millionen.

… Ich habe das Thema “Landflucht” erforscht und herausgefunden, dass 64% der Bevölkerung auf dem Land gelebt haben. 1907 waren es nur noch 33% (Shapiro, 300). Weil das ein Trend in Deutschland war, sollte Tobias mit seiner Familie auch umziehen. Aber das war nicht so leicht für ihn. In Hohenwalde gab es viel Platz und er hatte einen Hund. In Berlin musste er sogar die Wohnung mit einem Fremden teilen. Ein Schlafbursche war ein Mann, der gegen Geld und nur zum Schlafen in einer Wohnungen sein durfte. Ich habe eine interessante Website dazu gefunden: schlafburschen.de. Ich denke, dass es keine Privatsphäre gab, deshalb fand Tobias ihn unangenehm.

… Die Stadt war für viele Menschen zu groß und unpersönlich. Aber Technikbegeisterung war auch ein Trend. Tobias erwähnt die Automobile in der Stadt (“Die Autos traten an die Stelle von Pferdekutschen,” Koepke, 133). Wenn er älter gewesen wäre, hätte er vielleicht von Einstein gehört–seine Relativitätstheorie und die Entdeckung von Radium hätten zu einem “Gefühl der Unischerheit, der Entfremdung, der Bedrohung, ja der Angst” (Koepke, 133) geführt.

…. Ich denke, dass Tobias in der Arbeiterklasse bleiben wird. Jetzt interessiert er sich für Autos, aber vielleicht wird seine ganze Biografie von Technik (Maschinen, Plattenspieler, Radio, etc. ) geprägt sein, denn das ist ein Thema, das mich interessiert. Der erste Weltkrieg kommt im nächsten Teil und der wird natürlich alles ändern.”